Ich rauche
(von Sempé und Goscinny)

Ich bin bei uns im Garten gewesen und ich hab nicht gewusst, was ich machen soll und da ist Otto gekommen und hat gefragt, was machst du, und ich hab gesagt: nichts.
Da hat Otto zu mir gesagt: "Komm mit, ich muss dir was zeigen - wir werden einen Mordsspaß haben." Ich bin sofort mit ihm gegangen, nämlich mit Otto kann man gut spielen. Otto ist mein Klassenkamerad - ich weiß nicht, ob ich es schon geschrieben habe - er ist sehr dick und hat immer Hunger. Aber jetzt, wie er gekommen ist, hat er nicht gegessen, sondern er hat die Hand in der Tasche gehabt und wie wir über die Straße gegangen sind, hat er sich immer umgeguckt, ob auch keiner hinter uns herkommt. "Was willst du mir denn zeigen, Otto?" habe ich gefragt. "Noch nicht", hat er gesagt.

Nachher, wie wir um die Ecke gebogen sind, hat er seine Hand aus der Tasche gezogen und er hat eine dicke schwarze Zigarre gehabt. "Guck mal", hat er gesagt. "Das ist eine richtige, nicht aus Schokolade." Dass sie nicht aus Schokolade war, hätte er mir nicht erst zu sagen brauchen, denn wenn sie aus Schokolade gewesen wär, hätte Otto sie nur gar nicht erst gezeigt, sondern hätte sie schon aufgegessen.
Ich war ja ein bisschen enttäuscht weil Otto doch gesagt hatte, dass es ein Mordsspaß wird. "Na und?" hab ich gesagt. "Was sollen wir jetzt mit der Zigarre?" "Blöde Frage", hat Otto gesagt, "wir rauchen sie, fertig l" Ich bin ja nicht so begeistert gewesen von der Idee, die Zigarre zu rauchen, nämlich ich habe mir Ge- danken gemacht, dass Papa und Mama vielleicht was dagegen haben. Aber Otto hat mich gefragt, ob mein Papa und meine Mama mir vielleicht verboten hätten, Zigarren zu rauchen. Ich habe nachgedacht und tatsächlich: Papa und Mama haben mir verboten, die Tapeten in meinem Zimmer vollzumalen und sie haben gesagt, ich darf nicht ungefragt reden bei Tisch, wenn Besuch da ist, und ich darf die Badewanne nicht vollaufen lassen wenn ich mein Schiff schwimmen lassen will. Und dann darf ich keinen Kuchen essen vor den Mahlzeiten und die Türen darf ich nicht zuschlagen und ich darf nicht mit dem Finger in der Nase bohren und ich darf keine unanständigen Worte sagen - aber Zigarrenrauchen, das haben Papa und Mama mir noch nie verboten.
"Siehste", hat Otto gesagt. "Trotzdem, damit es kein Theater gibt, können wir uns ja irgendwo verstecken, wo wir in Ruhe rauchen können." Ich habe gesagt, vielleicht gehen wir zu dem Bauplatz hinter dem Bretterzaun, da kommt Papa niemals hin. Otto hat gesagt, das ist eine gute Idee, und wir sind schon durch die Lücke im Zaun durchgewesen, da hat Otto sich an die Stirn getippt. "Hast du denn Feuer?" hat er gefragt und ich hab gesagt, nein. "Na Mensch", hat Otto gesagt, "wie sollen wir denn dann die Zigarre rauchen?" Ich habe gesagt, vielleicht können wir einen Mann auf der Straße um Feuer bitten, nämlich ich hab das schon bei meinem Papa gesehen und es ist sehr lustig, weil der andere Herr jedes Mal versucht, sein Feuerzeug anzuzünden und es geht nicht, weil es windig ist und dann gibt er Papa seine Zigarette und Papa stößt seine Zigarette gegen die Zigarette von dem andern Herrn und die Zigarette von dem andern ist ganz ausgefranst und kaputt. Und der andere Herr macht ein komisches Gesicht, dass man gleich sieht, es ist ihm nicht recht. Aber Otto hat gesagt ob ich vielleicht einen Vogel habe und ob ich wirklich glaube, dass uns jemand auf der Straße Feuer gibt wo wir noch so klein sind. Schade, ich hätte gern so eine Zigarette kaputtgemacht mit unserer dicken Zigarre. "Und wenn wir uns Streichhölzer kaufen?" hab ich gefragt. "Hast du denn Geld?" hat Otto gefragt und ich habe gesagt, wir können vielleicht zusammenlegen wie Ostern in der Schule, wenn wir ein Geschenk kaufen müssen für unsere Lehrerin. Aber da ist Otto wütend geworden und hat gesagt, er hat die Zigarre mitgebracht und es ist nicht mehr als recht, dass ich die Streichhölzer kaufe. "Hast du deine Zigarre vielleicht gekauft?" habe ich gefragt. Nein, hat Otto gesagt, er hat sie in der Schreibtischschublade von seinem Papa gefunden, aber weil sein Papa keine Zigarren raucht, da macht es nichts und er merkt es nicht mal. "Wenn du die Zigarre nicht bezahlt hast, brauch ich auch nicht die Streichhölzer zu bezahlen", hab ich gesagt. Aber nachher habe ich gesagt gut, ich kaufe die Streichhölzer, wenn Otto mitgeht, denn allein hab ich Angst gehabt.

Wir sind in den Tabakladen rein, und die Dame hat uns gefragt: "Was möchtet ihr denn, ihr beiden Bübchen?" "Streichhölzer". hab ich gesagt. "Die sind für unsere Papas", hat Otto gesagt, aber das war ganz dumm, denn die Dame hat uns misstrauisch angeguckt und hat gesagt, wir dürfen nicht mit Streichhölzern spielen und sie verkauft uns keine, und wir sind zwei kleine Taugenichtse. Sie hat gar nicht mehr so nett ausgesehen wie vorher, als wir noch die beiden Bübchen gewesen sind, Otto und ich.
Wir sind raus aus dem Laden und wir kamen uns ziemlich blöd vor. Es ist tatsächlich nicht so einfach, Zigarre zu rauchen, wenn man noch klein ist. "Mein Vetter, der ist bei den Pfadfindern", hat Otto gesagt. "Ich glaub, da lernt man Feuer machen - mit zwei Holzstückchen, die man gegeneinander reibt. Wenn wir Pfadfinder wären, dann wüssten wir, wie wir es anstellen müssen, um die Zigarre zu rauchen." Ich hab gar nicht gewusst, dass man bei den Pfadfindern solche Sachen lernt, aber man darf auch nicht alles glauben, was Otto erzählt. Ich habe jedenfalls noch nie einen Pfadfinder gesehen, der Zigarre raucht.
"Ich hab genug von deiner dämlichen Zigarre", hab ich zu Otto gesagt, "ich geh nach Hause "Gut", hat Otto gesagt, "ich geh auch - ich fang schon wieder an, Hunger zu haben." Und er hat gesagt er will nicht zu spät kommen zum Kaffee und es gibt Mohrenköpfe mit Sahne. Aber da lag auf einmal auf dem Bürgersteig eine Schachtel Streichhölzer! Wir haben sie schnell aufgehoben und haben nachgesehen und es war noch ein Streichholz drin. Otto, der war so aufgeregt, dass er sogar die Mohrenköpfe mit Schlagsahne vergessen hat, und das will was heißen bei Otto. "Los, zum Bauplatz!" hat er geschrien.
Wir sind losgerannt und sind durch den Bretterzaun, da wo das eine Brett fehlt. Der Bauplatz ist prima, wir gehen oft hin zum Spielen. Da gibt es alles: Gras, Gerümpel, Pflastersteine, alte Kisten, Konservenbüchsen, Katzen und vor allem: das Auto! Ein altes Auto natürlich, es hat keine Räder und keinen Motor mehr und auch keine Türen - aber wir spielen trotzdem damit. Wir machen >Brom - brom< und wenn wir Autobus spielen, machen wir >ding - ding ... Abfahrt ... Zahlgrenze ... Nein, der Wagen ist besetzt!< Das Auto ist Klasse!

"Los, wir rauchen im Auto", hat Otto gesagt. Wir sind eingestiegen und haben uns hingesetzt und die Federn in den Polstern haben so ein komisches Geräusch gemacht, wie Opas Sessel, den Oma nicht mehr reparieren lassen will weil er sie so an Opa erinnert.

Otto hat die Spitze von der Zigarre abgebissen und ausgespuckt und er hat gesagt, er hat es gesehen, in einem Kriminalfilm. Und dann haben wir gut aufpassen müssen mit dem einen Streichholz, aber es hat geklappt. Otto hat angefangen, weil ihm die Zigarre gehört, und er hat gezogen, dass es richtig gegurgelt hat und dann ist ganz viel Rauch gekommen. Im ersten Moment hat er ganz komisch geguckt, der Otto, und dann hat er gehustet und hat mir die Zigarre gegeben. Ich hab auch gezogen und ich fand es gar nicht so besonders, und ich habe auch husten müssen. "Du hast ja keine Ahnung", hat der Otto gesagt. "Pass mal auf: ich rauch jetzt durch die Nase." Und er hat die Zigarre genommen und hat versucht, den Rauch durch die Nase zu blasen, aber da hat er ganz toll husten müssen. Ich hab es auch versucht und bei mir ging es besser, aber der Rauch ist mit in die Augen gestiegen. Wir haben einen Mordsspaß gehabt!
Wir haben die Zigarre hin und her gegeben, aber auf einmal hat der Otto gesagt: "Ich weiß nicht - ich habe gar keinen Hunger mehr." Er war ganz grün im Gesicht, der Otto, und dann auf einmal ist er ganz komisch krank geworden. Die Zigarre, die haben wir weggeschmissen und mir ging alles rund im Kopf und ich habe gedacht, ich muss ein bisschen heulen. "Ich geh nach Hause zu meiner Mama", hat der Otto gesagt und er ist gegangen und hat sich den Bauch gehalten, dass man gleich gesehen hat, er isst bestimmt keinen Mohrenkopf mehr heute Abend. Ich bin auch nach Hause gegangen und mir war auch nicht so besonders. Papa hat im Wohnzimmer gesessen und hat seine Pfeife geraucht und Mama hat gestrickt und mir ist ganz schlecht gewesen. Mama war sehr aufgeregt und sie hat mich gefragt, was ich habe und ich habe gesagt, das kommt vom Rauch, aber von der Sache mit der Zigarre habe ich schon nichts mehr erzählen können, weil mir schon wieder schlecht geworden ist. "Siehst du", hat Mama zu Papa gesagt, "ich habe es dir ja immer schon gesagt - diesen Pfeifengeruch kann man nicht aushalten." Und jetzt darf Papa zu Hause keine Pfeife mehr rauchen - seit damals, wo ich die Zigarre geraucht hab.