Das Fleißheft
(von Sempé und Goscinny)

Heute Nachmittag war es gar nicht lustig in der Schule, weil der Rektor reingekommen ist in die Klasse und er hat die Fleißhefte ausgegeben. Er sah gar nicht zufrieden aus, der Rektor, wie er mit unseren Heften unterm Arm reingekommen ist. "Ich bin seit Jahren im Schuldienste tätig", hat er gesagt, der Rektor, "aber so eine Klasse ist mir noch nie vorgekommen. Die Bemerkungen, die eure Klassenleiterin in die Fleißhefte eingetragen hat, sind die Quittung für euer Verhalten. Ich beginne jetzt mit der Verteilung der Hefte." Chlodwig fing sofort an zu heulen. Chlodwig ist der Schlechteste in der Klasse, und die Lehrerin schreibt jeden Monat eine Menge Sachen in sein Heft und Chlodwigs Papa und Mama sind gar nicht zufrieden und er kriegt keinen Nachtisch und darf nicht fernsehen. Sie sind schon so daran gewöhnt, sagt Chlodwig, dass seine Mama überhaupt keinen Nachtisch mehr macht und sein Papa geht bei den Nachbarn fernsehn.
Bei mir in meinem Heft stand: "Der Schüler ist wild und oft sehr zerstreut. Könnte mehr leisten." Franz hatte: "Undisziplinierter Schüler. Schlägt sich mit seinen Kameraden. Könnte mehr leisten." Bei Roland: "Pfeift in der Klasse ständig auf einer Triller pfeife, die zu wiederholten Malen eingezogen werden musste. Könnte mehr leisten."

Der einzige, der nicht mehr leisten könnte, ist Adalbert. Adalbert ist Klassenerster und unserer Lehrerin ihr Liebling. Der Rektor hat aus Adalberts Fleißheft vorgelesen: "Aufmerksamer Schüler, intelligent. Erreicht das Klassenziel." Der Rektor hat uns gesagt, man muss sich Adalbert als Beispiel vor Augen halten. Und wir sind allesamt kleine Nichtsnutze und enden noch im Zuchthaus. Und das ist doch sicher sehr schmerzlich für unseren Papa und unsere Mama, weil sie gewiss andere Pläne mit uns haben, hat der Rektor gesagt. Und dann ist er raus. Wir, wir waren ziemlich von den Socken, weil nämlich die Hefte und unser Papa muss ja unterschreiben und das ist kein Spaß.
Wie es geläutet hat, sind wir gar nicht alle sofort zur Tür gelaufen, um zu boxen und zu stoßen und den andern die Schulmappe auf die Birne zu hauen wie sonst, sondern wir sind ganz langsam raus und keiner hat was gesagt. Sogar unsere Lehrerin sah traurig aus. Aber wir machen ihr keinen Vorwurf. Es stimmt schon, dass wir in diesem Monat ziemlich oft Quatsch gemacht haben und Georg hätte nicht gerade sein Tintenfass auf die Erde kippen sollen und auf Joachim, der umgefallen war und Grimassen schnitt, weil Franz ihn mit der Faust auf die Nase gehauen hat. Dabei war es doch Roland, der Franz an den Haaren gezogen hat.

Draußen auf der Straße sind wir auch nicht sehr schnell gegangen. Vor der Konditorei haben wir auf Otto gewartet, der drin war, sechs Schokoladenbrötchen kaufen und er hat auch sofort reingebissen. "Auf Vorrat", hat Otto zu uns gesagt, "weil nämlich heute Abend kann es sein und es gibt keinen Nachtisch" und dann hat er gestöhnt beim Kauen. Und das war auch richtig, denn in seinem Heft stand: "Wenn der Schüler soviel Energie für die Arbeit aufbrächte, wie er auf seine Ernährung verwendet, könnte er Klassenerster sein, denn er könnte mehr leisten." Wer am wenigsten sauer war: - Franz. "Ich hab keine Angst", sagte er. "Mein Vater sagt nichts. Ich gucke ihm nur ganz starr in die Augen und dann unterschreibt er das Heft und fertig." Der hat Nerven, der Franz. Wie wir an der Ecke waren, sind wir auseinander gegangen. Chlodwig ist abgehauen und hat geweint, Otto hat weitergegessen und Roland hat auf der Trillerpfeife geblasen - aber nur ganz leise.
Ich bin allein gewesen mit Franz. "Wenn du Angst hast, nach Hause zu gehen", hat Franz zu mir gesagt, "kein Problem. Du kommst einfach mit und schläfst bei uns zu Hause." Franz ist ein Klasse-Kumpel!

Wir sind zusammen weitergegangen und Franz hat mir erklärt, wie er es macht, wenn er seinem Vater ganz starr in die Augen guckt. Aber als wir in die Gegend kamen, wo er wohnt, wurde er immer stiller, der Franz, und nachher vor der Haustür sagte er gar nichts mehr. Wir sind noch einen Moment stehen geblieben und ich habe zu Franz gesagt, na, wie is' es - gehn wir? Franz hat sich den Kopf gekratzt und dann hat er gesagt: "Wart mal - ich komm dann und hol dich rein." Und dann ist Franz rein. Er hat die Tür aufgelassen und da hab ich gehört, wie's klatschte, und eine tiefe Stimme hat gesagt: "Ins Bett - ohne Nachtisch, du Taugenichts!" Und ich konnte hören, wie Franz heulte. Ich glaube, Franz hat das diesmal nicht richtig hinge- kriegt mit dem starren Blick.
Es war blöde, dass ich jetzt auch nach Hause gehen musste. Ich bin losgegangen und habe versucht, nicht auf die Rillen zwischen den Pflastersteinen zu treten und es war auch ganz einfach, weil ich ziemlich langsam gegangen bin. Ich wusste schon, was Papa sagt. Er sagt, dass er immer der Erste in der Klasse war und dass sein Papa sehr stolz gewesen ist auf meinen Papa und dass er aus der Schule einen ganzen Haufen erste Preise und Fleißkärtchen mit nach Hause gebracht hat und dass er mir die Preise gern zeigen würde, aber leider sind sie verlorengegangen bei dem Umzug nach seiner Heirat. Und dann sagt er, dass aus mir niemals was werden kann und dass ich später arm bin und dann sagen die Leute: "Da, das ist Nick, der immer die schlechten Zensuren mit nach Hause gebracht hat" und sie zeigen mit dem Finger auf mich und lachen mich aus. Und dann sagt mein Vater, dafür schindet er sich ab und gibt mir eine anständige Erziehung, damit ich für das Leben gerüstet bin und ich bin ein undankbarer Sohn und habe kein Gefühl dafür, dass ich meinen Eltern Kummer mache und dann sagt er, dass es keinen Nachtisch gibt und was das Kino angeht, da werden wir erst mal den nächsten Monat abwarten. Das wird Papa mir alles sagen, genauso wie letzten Monat und im Monat davor. Aber ich, ich hab genug davon. Ich werd ihm sagen, dass ich sehr unglücklich bin und weil es nun mal so ist, na schön, dann geh ich eben weg, weit weg, und alle werden sich Sorgen machen wo ich wohl bin, aber ich komm nicht zurück oder wenn, dann erst nach vielen Jahren und mit einem Haufen Geld und dann schämt sich Papa weil er gesagt hat, du bringst es zu nichts und die Leute werden sich nicht trauen, mit dem Finger auf mich zu zeigen und sich über mich lustig zu machen. Und ich lade Papa und Mama ins Kino ein, von meinem Geld natürlich, und die Leute werden sagen: "Sieh mal, das ist Nick, der so viel Geld hat und er bezahlt sogar das Kino für seinen Papa und seine Mama, obwohl sie gar nicht nett zu ihm gewesen sind." Und unsere Lehrerin lade ich auch ein und unseren Rektor auch und da stand ich schon vor der Haustür. Ich hatte die ganze Zeit darüber nachgedacht und mir allerhand vorgestellt und gar nicht mehr an das Heft gedacht und bin ziemlich schnell gegangen. Ich hab einen Kloß im Hals gehabt und ich habe gedacht, vielleicht hau ich besser gleich ab und komm erst nach vielen Jahren wieder. Aber es wurde schon dunkel und Mama hat es gar nicht gern, wenn ich so spät noch draußen bin. Also bin ich rein.

Papa sprach mit Mama und sie saßen im Salon. Auf dem Tisch lag eine Masse Papier und Papa sah gar nicht fröhlich aus. "Es ist unglaublich", hat Papa gesagt, "wenn man sieht, was in diesem Hause für ein Geld ausgegeben wird. Ich bin doch kein Multimillionär! Sieh sich einer diese Rechnungen an! Die Fleischrechnung 1 Und hier - die Rechnung vom Lebensmittelhändler - na ja, ich kann mich ja abschuften, ich muss ja sehen, wo das Geld herkommt." Mama war auch nicht fröhlich, nein, gar nicht, und sie hat zu Papa gesagt; er hat keine Ahnung, wie teuer das Leben ist und er soll doch mal mitgehn einkaufen und überhaupt, sie fährt zu ihrer Mutter und es ist ja doch wohl nicht nötig, das alles zu besprechen, wo das Kind dabeisteht. Ich hab Papa mein Heft hingehalten und Papa, der hat es aufgemacht, hat unterschrieben und es mir zurückgegeben und er hat gesagt: "Das Kind hat nichts damit zu tun. Alles was ich möchte, ist, dass man mir erklärt.' wieso ein simpler Kalbsbraten derartig teuer ist!" - "Geh auf dein Zimmer spielen, Nick", hat Mama zu mir gesagt. "Nun geh schon", hat Papa gesagt.
Ich bin rauf auf mein Zimmer und hab mich auf mein Bett geschmissen und ich hab angefangen zu weinen. Nein wirklich - wenn Papa und Mama mich lieb hätten, würden sie sich wenigstens ab und zu um mich kümmern!