|
Ich spiele
mit Adalbert
(von Sempé und Goscinny)
Ich wollte raus und mit meinen Freunden spielen, aber Mama hat gesagt, nein,
kommt nicht in Frage, und sie kann die kleinen Jungen nicht leiden, mit denen
ich immer spiele und wir machen doch nichts als Unsinn. Und dann hat sie gesagt,
ich bin bei Adalbert zum Kaffee eingeladen und Adalbert ist ein netter Junge
und so gut erzogen, und ich soll mir lieber ein Beispiel an ihm nehmen.
Ich hatte gar keine Lust, bei Adalbert Kaffee zu trinken und erst recht nicht,
wenn ich mir an ihm ein Beispiel nehmen muss. Adalbert ist unser Klassenerster
und der Liebling von unserer Lehrerin. Er ist kein guter Spielkamerad, aber
er wird trotzdem nicht sehr oft verhauen, weil er nämlich eine Brille trägt.
Ich wäre ja lieber ins Schwimmbad gegangen mit Otto, Georg, Franz und den andern?
aber da war nichts zu machen. Mama hat ein Gesicht gemacht, dass ich gleich
gesehen hab, sie macht keinen Spaß und überhaupt: ich tu immer, was meine Mama
sagt, besonders wenn sie so ein Gesicht macht.
Mama hat gesagt, ich muss mich baden und kämmen und ich muss den blauen Matrosenanzug
anziehen mit den Bügelfalten in der Hose und das weiße Seidenhemd mit dem gepunkteten
Schlips. Ich habe ausgesehen wie auf der Hochzeit von meiner Cousine Elvira?
Wo mir nach dem Essen so schlecht geworden ist.
"Nun sei nicht so störrisch", hat Mama zu mir gesagt, "du wirst dich schon
gut unterhalten bei Adalbert." Und dann sind wir los. Unterwegs hab ich immer
Angst gehabt, dass ich meine Klassenkameraden treffe. Die hätten sich ganz schön
über mich lustig gemacht, wenn sie mich in dem Aufzug gesehen hätten. Adalberts
Mama hat uns die Türe aufgemacht und sie hat gesagt: "Nein wie reizend", und
sie hat mir einen Kuss gegeben und dann hat sie Adalbert gerufen: "Adalbert,
komm schnell! Dein kleiner Freund Nick ist da." Adalbert ist gekommen und er
war auch ganz komisch angezogen. Er hat eine Samthose angehabt und weiße Socken
und ganz komische schwarze Sandalen und die haben toll geglänzt. Wir haben ausgesehen
wie zwei Clowns, wir beide.
Adalbert war gar nicht so froh, dass ich da war, er hat mir die Hand gegeben
und die war ganz feucht. "Ich hoffe, er macht nicht allzu viele Dummheiten",
hat meine Mama gesagt. "Ich komme um sechs Uhr wieder vorbei und hole ihn ab."
Adalberts Mutter hat gesagt, sie ist sicher, dass wir uns gut unterhalten und
dass ich sehr brav bin. Meine Mama ist weggegangen und sie hat mich scharf angeguckt
und ich habe gemerkt, sie ist nicht so ganz sicher. Wir haben Kaffee getrunken.
Das war gut, es hat Kakao gegeben, Marmelade, Kuchen und Biskuit, und wir haben
die Ellbogen nicht auf den Tisch gestützt, Nachher hat Adalberts Mama gesagt:
"Jetzt geht in Adalberts Zimmer und spielt schön !"
In seinem Zimmer hat Adalbert sofort gesagt, ich darf ihm keine reinhauen,
weil er doch eine Brille trägt und sonst schreit er ganz furchtbar und dann
lässt seine Mama mich ins Gefängnis werfen. Ich habe gesagt, ich habe schon
Lust ihm eine reinzuhauen, aber ich werd's nicht tun, weil ich meiner Mama versprochen
habe, brav zu sein. Da hat Adalbert sich gefreut und er hat gesagt, dann können
wir spielen. Er hat eine Menge Bücher rausgeholt Erdkunde, Geschichte, Mathematik,
und er hat gesagt fein, wir lesen zusammen und stellen uns Rechenaufgaben, nur
einfach so, aus Zeitvertreib. Er hat gesagt es gibt prima Aufgaben, zum Beispiel
mit den Wasserhähnen, die eine Badewanne füllen, aber die Wanne ist nicht zugestöpselt
und jetzt ist die Frage, ob genauso viel Wasser abläuft wie zuläuft. Das ist
eine gute Idee gewesen und ich habe Adalbert gefragt, ob ich seine Badewanne
mal sehen kann und vielleicht können wir schön damit spielen. Adalbert hat mich
angesehen, dann hat er seine Brille abgenommen und geputzt, er hat ein bisschen
überlegt und dann hat er gesagt: gut, komm.
Im Badezimmer war eine große Badewanne und ich habe zu Adalbert gesagt, man
kann sie vollaufen lassen und kleine Schiffe darin schwimmen lassen. Adalbert
hat gesagt, daran hat er noch nie gedacht, aber die Idee ist nicht schlecht.
Die Badewanne war ganz schnell vollgelaufen, bis zum Rand ? wir haben sie natürlich
zugestöpselt. Aber dann hat Adalbert nicht mehr weitergewusst und er hat mir
erklärt, er hat keine Schiffe zum Spielen, nämlich er hat überhaupt wenig Spielzeug,
sondern Bücher. Zum Glück weiß ich, wie man Schiffe aus Papier falten kann und
wir haben die Blätter aus Adalberts Rechenbuch genommen. Ganz vorsichtig natürlich,
damit Adalbert die Blätter hinterher wieder reinkleben kann, denn er hat sich
ziemlich angestellt und sagt, er kann einem Buch nicht wehtun und einem Baum
oder einem Tier auch nicht.
Wir
haben viel Spaß gehabt. Adalbert hat die Wellen gemacht mit dem Arm und es war
dumm, dass er vergessen hat, den Ärmel von seinem Hemd hochzustreifen und dass
er seine Armbanduhr nicht abgetan hat, die er für den Geschichtsaufsatz gekriegt
hat, weil er Erster war und jetzt steht sie auf vier Uhr zwanzig.
Wir haben noch gespielt, wie lange weiß ich nicht, die Uhr ging ja auch nicht
mehr, und da haben wir genug gehabt. Es war auch schon alles voll Wasser und
wir wollten nicht zuviel Matsch machen, nämlich auf dem Boden war schon allerhand,
und Adalberts Sandalen haben gar nicht mehr so geglänzt wie vorher. Wir sind
wieder in Adalberts Zimmer zurück und er hat mir die Erdkugel gezeigt. Das ist
eine große Kugel aus Blech, wo die Länder und Meere draufgemalt sind. Adalbert
hat mir erklärt, dass man Erdkunde daran lernen kann und er hat mir gezeigt,
wo die Länder sind. Aber das habe ich schon gewusst, denn wir haben in der Schule
genauso eine Erdkugel, und die Lehrerin hat uns gezeigt, wie es geht.
Adalbert hat mir die Stelle gezeigt, wo man die Erdkugel abschrauben kann, und
dann sieht sie aus wie ein großer Ball. Ich glaube, das bin ich gewesen, der
die Idee gehabt hat, mit der Kugel Ball zu spielen aber vielleicht war es keine
sehr gute Idee. Wir haben uns die Erdkugel zugeworfen und es war ein großer
Spaß. Adalbert hat seine Brille abgenommen, damit sie nicht runterfällt und
kaputtgeht, aber ohne Brille sieht er nicht gut und da hat er die Kugel nicht
geschnappt und sie ist in den Spiegel geflogen, mit der Seite, wo Australien
ist, und der Spiegel ist kaputtgegangen. Adalbert hat seine Brille wieder aufgesetzt,
um zu sehen was passiert ist und er ist ganz still geworden. Wir haben die Erdkugel
schnell wieder festgeschraubt und wir haben gesagt, jetzt müssen wir vorsichtig
sein, denn sonst haben wir Theater mit unseren Mamas.
Wir haben was anderes gesucht zum Spielen, und Adalbert hat gesagt, sein Papa
hat ihm einen Chemie-Baukasten geschenkt, damit er die Naturwissenschaften lernt.
Er hat mir gezeigt, wie es geht. Das Ding ist prima! Ein großer Kasten mit Glasröhren,
komischen runden Flaschen und kleinen Bonbon-Gläsern mit allerhand Zeug in verschiedenen
Farben, und ein Spirituskocher ist auch dabei. Adalbert hat gesagt, man kann
Versuche damit machen und die sind sehr lehrreich.
Er hat verschiedene Pulver und allerhand flüssiges Zeug in die Glasröhre geschüttet,
und da sind die Farben anders geworden rot oder blau und ab und zu ist ein bisschen
weißer Dampf rausgekommen. Toll lehrreich! Ich habe zu Adalbert gesagt, wir
können vielleicht ganz neue Versuche machen, die noch lehrreicher sind, und
er hat gesagt, gut. Wir haben die größte runde Flasche genommen, die da war,
und haben alles Pulver und das ganze flüssige Zeug zusammengeschüttet. Dann
haben wir den Spirituskocher genommen und haben die Flasche heiß gemacht. Zuerst
ist es ganz gut gegangen, es hat eine Masse Schaum gegeben und ganz schwarzen
Qualm. Nur: der Qualm hat sehr schlecht gerochen und hat alles schwarz gemacht.
Nachher haben wir den Versuch abbrechen müssen, weil nämlich die Flasche explodiert
ist.
Adalbert hat angefangen zu schreien er sieht nichts mehr, aber
das kam nur von den Brillengläsern, welche ganz schwarz gewesen sind, und er
hat sie wieder geputzt und ich hab das Fenster aufgemacht, denn wir haben schon
husten müssen. Der Schaum ist auf dem Teppich gewesen und es hat geprickelt
wie Mineralwasser und die Wände waren schwarz und wir waren auch nicht mehr
ganz sauber.
Da ist Adalberts Mama reingekommen. Im ersten Moment hat sie nichts
gesagt, sie hat nur den Mund aufgemacht und die Augen aufgerissen, aber dann
hat sie angefangen zu schreien. Sie hat Adalbert die Brille abgenommen und hat
ihm eine Ohrfeige gegeben und dann hat sie uns ins Badezimmer geführt, damit
wir uns waschen. Als sie das Badezimmer gesehen hat, ist sie ziemlich wütend
geworden, die Mama von Adalbert.
Adalbert hat seine Brille festgehalten, weil er keine Lust gehabt hat, noch
eine Ohrfeige zu kriegen. Da ist seine Mama weggelaufen und sie hat zu mir gesagt,
sie ruft meine Mama an, dass sie mich sofort abholt und so etwas hat sie noch
nie gesehen und es ist einfach unglaublich. Meine Mama ist bald gekommen und
hat mich abgeholt, und ich war ganz froh, denn ich fand es schon nicht mehr
so schön bei Adalbert. Besonders mit seiner Mama, die ist mir zu nervös. Meine
Mama ist mit mir nach Hause gegangen und unterwegs hat sie die ganze Zeit gesagt:
"Wie du dich wieder aufgeführt hast, darauf kannst du dir was einbilden, und
Nachtisch gibt es nicht heute Abend ... " Ich muss auch sagen, dass es gerecht
war, denn wir haben ganz schön Blödsinn gemacht, Adalbert und ich. Mama hat
recht gehabt, wie immer, denn ich habe mich wirklich gut unterhalten bei Adalbert.
Ich würde auch gern noch mal hingehen, aber ich glaube, die Mama von Adalbert
will nicht mehr, dass ich komme. Manchmal weiß man wirklich nicht, wie man es
den Erwachsenen recht machen soll und mit wem man eigentlich spielen darf.
|