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Der nächste Tag brachte für Piet eine böse Überraschung:
die Familie Gogan war im Dorf angekommen und fragte überall nach dem
kleinen Piet.
"Er ist neun Jahre alt und etwa so groß und dünn", erklärte
Lena Gogan, die Mutter von Willie und Robert. ,"Dieser Lump ist von zu
Haus weggelaufen, nachdem wir ihn für fünfzig Dollar aus dem
Waisenhaus geholt haben. Sehen Sie, hier ist die Bescheinigung darüber.
Nun, weiß jemand etwas von diesem Rotzbengel?" Es fand sich bald
eine ,"mitleidige" Seele, die ihnen erklärte, wohin sie sich zu wenden
hätten. Sogleich begab sich die widerliche Familie zum Hafen, wo sich
Piet und Nora aufhielten.
Kaum
hatte Lena Gogan den Jungen erblickt, da fiel sie wie eine wilde Katze
über ihn her.
"He, was soll das?" protestierte Nora und stellte sich dazwischen.
"Dieser Junge gehört mir", keifte die Alte und zerrte ein Stück
schmieriges Papier aus der Tasche. "Dieses Dokument hier ist der Beweis...
Hier, sehen Sie! Also geben Sie mir ihn auf der Stelle!" Rund um Nora,
Piet und die Gogans hatte sich eine Schar Neugieriger versammelt. Mit offenem
Mund sahen sie zu, als plötzlich einer nach dem anderen der Familie
Gogan wie von Geisterhand ins Wasser geschleudert wurde. Nur Piet konnte
sehen, daß sein Freund Elliott wieder einmal in Aktion getreten war.
Doktor Terminus und sein Gehilfe Hogy hatten von weitem alles beobachtet.
"Das ist genau das, was wir brauchen!" frohlockte der Doktor und rieb
sich die Hände. "Hogy, wir haben gerade unbezahlbare Verbündete
für unsere Pläne gefunden." Einige Stunden später traf sich
der Doktor mit der Familie Gogan und hatte eine längere Unterredung
mit ihnen. Sie schienen etwas Schlimmes auszuhecken. Sie tuschelten aufgeregt
miteinander und machten wilde Armbewegungen. Schließlich reichten
sie sich alle zufrieden die Hände und besiegelten damit ihren bösen
Plan gegen Piet und seinen Drachen. Die Gogans lachten triumphierend und
gingen zum Dorf zurück. Doktor Terminus aber machte sich flugs darauf
auf den Weg zur Hafenschenke. Dort saßen besorgte Seeleute und Fischer.
In letzter Zeit war der Fischfang in dieser Gegend spärlicher geworden
und alle waren überzeugt, daß Piet daran schuld war. Doktor
Terminus setzte sich zu ihnen und bestellte eine Runde. Er wollte die Leute
für sich gewinnen.
"Wenn ihr mir helft, meinen Plan auszuführen, werdet ihr eure
Sorgen für immer los sein", verkündete er den verblüfften
Seeleuten. "Dieser Junge hat tatsächlich einen Drachen bei sich, der
für das ganze Unglück verantwortlich ist. Wir müssen dieses
Monster loswerden, ganz gleich wie. Außerdem verspreche ich euch,
mich um die Überreste des Drachens zu kümmern, so daß ihr
alle damit keine Arbeit habt."
Die Überredungskunst des Wunderheilers besiegte die Bedenken der
Leute. Schließlich erklärten sie sich bereit, bei der Verschwörung
gegen Elliott mitzumachen.
Der Westwind blies immer stürmischer, und drohend türmten
sich die Wogen rings um ein Segelboot auf, das schwer kämpfend den
Hafen von Passamaquoddy ansteuerte.
"Es braut sich ein schweres Unwetter zusammen!" rief der Kapitän
so laut er konnte. "Wenn das so weitergeht, wird es gefährlich für
uns, wenn wir uns den Felsenriffen vor dem Hafen nähern."
"Habt keine Sorge", rief der Steuermann zurück. "Ich kenne dieses
Gebiet sehr gut. Wenn wir den Leuchtturm sichten, müssen wir nach
Steuerbord drehen."
"Ja, ich weiß, daß du hier mehrere Jahre gelebt hast, Paul.
Ich habe nur Sorge, daß du noch einmal Schiffbruch erleidest."
"Keine Angst", erwiderte Paul. "Nora, meine Verlobte, lebt hier im
Leuchtturm. Noch nie hat sie es versäumt, bei Gefahr das Leuchtfeuer
anzuzünden."
In Passamaquoddy nahmen die Dinge mit atemberaubender Geschwindigkeit
ihren Lauf. Nach einem geschickt ausgeklügelten Plan hatte Terminus
Piet aufgesucht und ihm eingeredet, Elliott befinde sich in großer
Gefahr. Und wie erwartet, war der Junge mit bangem Herzen seinem Freund
zu Hilfe geeilt.
Hogy war inzwischen zur Höhle in den Klippen gelaufen, um Elliott
mitzuteilen, Piet befinde sich in großer Gefahr. Er sagte, Piet sei
den Gogans in die Hände gefallen und würde in einem Lagerschuppen
im Hafen gefangengehalten. Natürlich saß Hogy die Angst vor
dem Drachen noch so sehr in den Knochen, daß er sich nicht näher
als zwanzig Meter vor die Höhle traute. Von dort rief er die Mitteilung
dem Ungeheuer zu.
Wie erwartet, flog der Drache sofort los, um seinem Freund zu helfen.
Weder Piet noch der Drache merkten, daß sie in eine Falle gelockt
wurden.
Kaum war Piet in die Lagerhalle getreten, packten ihn von hinten ein
paar Hände.
"So, jetzt haben wir dich, du Rotznase!" jubelte Lena Gogan. "So eine
Frechheit, uns einfach wegzulaufen. Jetzt kriegst du deine verdiente Strafe."
"Achtung, alles fertig!" rief Terminus. "Ich sehe Hogy am anderen Ende
der Straße. Da ist der Drache sicher nicht mehr weit."
Im nächsten Augenblick stürmte Elliott in den Lagerschuppen
und begann, aufgeregt nach seinem Freund zu suchen. Plötzlich fiel
ein schweres Netz über ihn und hüllte ihn völlig ein. "Hurra,
wir haben ihn!" rief Terminus triumphierend. "Zieht fest an den Seilen,
daß er uns nicht entwischt!"
Elliott
brüllte wütend und versuchte das große Netz abzuschütteln.
"Elliooooott!" schrie Piet und versuchte verzweifelt, sich aus den
Händen der Gogans loszureißen. "Rette dich, Elliott, kümmere
dich nicht um mich!"
Eine schmutzige Hand hielt dem Jungen den Mund zu. Dann wurde er in
einen Sack gesteckt.
"Jetzt haben wir ihn", frohlockte die alte Lena. "Machen wir, daß
wir von hier wegkommen!"
Der riesige Robert warf sich den Sack über die Schulter und rannte
aus der Lagerhalle, die übrige Familie hinterher. Drinnen tobte der
Kampf gegen den Drachen, aber da hielten sie sich wohlweislich heraus.
Sie liefen zu ihrem Wagen, der abfahrbereit vor der Tür stand. So
schnell wie möglich wollten sie das Dorf verlassen.
Doch plötzlich blieben sie starr vor Schreck stehen. Hinter ihnen
schnaubte es furchterregend. Sie drehten sich erschrocken um und standen
direkt vor dem feuerspeienden Ungeheuer. Mit einem einzigen Tatzenhieb
erledigte der Drache Robert und Willie, die über den Boden kugelten.
Dann ging er auf Lena los und versetzte ihr einen Stoß, daß
sie in ein volles Teerfaß fiel.
"Hiiilfe!" schrie die Alte. "Der Junge gehört mir, ich habe ihn
gekauft!" Sie hielt Elliott die Bescheinigung entgegen.
Der Drache riß den Rachen auf und spuckte wieder Feuer, und im
Nu war das schöne Dokument nur noch ein Häufchen Asche. Dann
stieß er wieder sein fürchterliches Gebrüll aus, und entsetzt
rannten die Gogans davon, so schnell die Beine sie trugen. Doktor Terminus
und sein Gehilfe liefen hinterher. Eines war sicher:
Keiner von ihnen würde jemals in seinem Leben wieder seinen Fuß
in dieses Dorf setzen.
Elliott befreite den armen Piet aus dem Sack und umarmte ihn, glücklich,
ihn wiederzusehen.
"Hör mal, Elliott!" sagte Piet plötzlich. "Hörst
du die Sirene vom Leuchtturm? Da muß etwas Schlimmes passiert sein!"
In der Tat, Lampie befand sich in großen Schwierigkeiten. Der
schwere Sturm hatte das Glas des Leuchtturms eingedrückt und das Leuchtfeuer
ausgeblasen. Lampie versuchte vergebens, das Feuer wieder anzufachen, aber
der Wind war zu stark. Deshalb setzte er die Sirene in Betrieb.
"Komm, Elliott, er braucht unsere Hilfe!" drängte Piet, stieg
auf den Drachen und klammerte sich an seinem Hals fest. Obwohl Elliott
von dem wilden Kampf schon ermüdet war und sich am liebsten ausgeruht
hätte, erhob er sich in die Luft und flog zum Leuchtturm. Der Sturm
wehte ihm mit großer Stärke entgegen. Von Sekunde zu Sekunde
fühlte er, wie seine Kräfte schwanden.
"Nur Mut, Elliott!" ermunterte ihn Piet. "Wir müssen unbedingt
zum Leuchtturm!"
Als sie endlich dort ankamen, war der tapfere Elliott am Ende seiner
Kräfte. Aber Piet feuerte ihn an, noch ein paar Minuten durchzuhalten.
"Du mußt das Leuchtfeuer anzünden, Elliott! Ein Schiff ist
in Gefahr!"
Der alte Lampie war sehr froh über den Besuch Elliotts. Er fürchtete
sich nicht mehr vor ihm, im Gegenteil, der feuerspeiende Drache war seine
letzte Hoffnung.
"Wenn es deinem Freund nicht gelingt, das Feuer wieder anzuzünden,
wird dieses Schiff gegen die Felsenriffe laufen und zerschellen", sagte
der Leuchtturmwärter besorgt. "Komm her, du liebes Ungeheuer, gib
uns mal einen tüchtigen Feuerstoß!" Der arme Drache nahm seine
ganze Kraft zusammen und versuchte es ein-, zwei-, dreimal. Aber der Wind
war einfach stärker.
"Los, Elliott, noch einmal!" riefen ihm Piet und Lampie zu. Endlich,
mit allerletzter, verzweifelter Kraft, gelang es Elliott, den Docht in
Brand zu setzen. Lampie stülpte schnell den Glaszylinder darauf, und
ein helles Licht strahlte durch die stürmische Nacht. Das Schiff hatte
gerade noch Zeit nach Steuerbord abzudrehen und Kurs auf den Hafen von
Passamaquoddy zu nehmen. Der Steuermann Paul sprang an Land.
"Nora!" rief er, und das Herz klopfte ihm vor Freude.
Das Mädchen glaubte zu träumen. Es war wirklich Paul, den
sie für immer verloren gehalten hatte. Die beiden jungen Leute fielen
sich freudig um den Hals, überglücklich, wieder zusammen zu sein.
Dann erzählte Paul, wie er den Schiffbruch überlebt und danach
mehrere Monate in einem Krankenhaus zugebracht hatte. Er hatte damals völlig
das Gedächtnis verloren. Als ihm seine Erinnerung endlich wiederkam,
hatte er auf dem ersten besten Schiff angeheuert, um auf dem schnellsten
Weg zu seiner Verlobten zurückzukehren.
"Und wenn nicht Piets Drache gewesen wäre, an den ich nicht glauben
wollte, dann wärst du hier sicher nicht angekommen", sagte Nora selig.
Nur Piet und Elliott waren in diesem Augenblick sehr traurig. Denn
es hieß Abschied voneinander nehmen.
"Mußt du wirklich gehen?" fragte der Junge und unterdrückte
ein Schluchzen. "Hast du mich nicht mehr gern?"
Elliott drückte seinen Freund an sich und fühlte einen Knoten
im Hals. Er versuchte Piet zu erklären, warum er sich von ihm trennen
mußte. "Du hast jetzt eine liebe Familie und brauchst mich nicht
mehr. Ich muß weiter!" sagte er.
"Ja, ich kann dich verstehen, Elliott. Ein anderes Kind braucht dich
von nun an. Ich habe ja jetzt ein richtiges Zuhause. Aber es fällt
mir so schwer, mich von dir zu trennen. Ich habe dich doch so lieb, Elliott!
Was wäre ohne deine Hilfe aus mir geworden?"
Elliott merkte, wie ihm dicke Tränen aus den Augen quollen und
auf den Kopf des Jungen tropften. Er nahm sich zusammen. Er streckte Piet
die Zunge heraus und schnitt eine komische Grimasse, um seinen Freund zum
Lachen zubringen.
"Aber versprich mir, daß du wiederkommst, ja?" rief Piet dem
Drachen nach. Elliott nickte zustimmend. Dann rannte er los und erhob sich
in die Luft.
Kurz darauf war er nur noch ein kleiner Fleck am Himmel, der sich immer
weiter vom Leuchtturm entfernte. Der gute Drache Elliott war aufgebrochen,
um einem anderen Kind zu helfen, das ihn brauchte.
"Leb wohl, Elliott. Ich werde dich nie vergessen!" rief Piet. Elliott
war der beste Freund, den er jemals gehabt hatte.
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