Elliot, das Schmunzelmonster (Teil 1) Elliots Startseite (Der Feuerspukende Drache) Elliot, das Schmunzelmonster (Teil 3)
Kapitel 2

Piets Ankunft in Passamaquoddy verlief ziemlich aufregend. Eines der ersten Häuser des Dorfes war von einem weißgetünchten Lattenzaun umgeben. Piet hob einen Ast auf und ließ ihn im Vorbeigehen gegen die Latten schlagen.
Der Hauseigentümer, der gerade auf der Veranda ein Mittagsschläfchen hielt, war von Piets Spiel gar nicht begeistert. Aber er war durch die Dorfkinder Kummer gewöhnt und außerdem zu faul zum Aufstehen, und so sagte er nichts dazu. Das Schlimme war nur, daß der unsichtbare Elliott sich an dem Klapperspiel seines Freundes beteiligen wollte und seinen gewaltigen Schweif dazu benutzte. Ihr könnt euch vorstellen, wie die Zaunlatten durch die Luft sausten, als würden sie von einem Wirbelsturm fortgerissen. Ehe der Mann sich versah, war sein schöner Zaun nur ein Haufen Holzlatten. Völlig entgeistert schaute er dem Jungen nach. Wie hatte der kleine das allein so schnell schaffen können? Piet aber schaute, daß er weiterkam.

Ihr nächstes Opfer war ein Maurer, der gerade den Bürgersteig zementierte. Er war mit großem Eifer bei der Sache und freute sich sehr an seiner wohlgelungenen Arbeit. Und in der Tat, sie wäre wirklich wohlgelungen gewesen, wenn nicht der nichtsahnende Elliott auf den Gedanken gekommen wäre, über den schönen frischen Zement zu spazieren und seine gewaltigen Fußstapfen zu hinterlassen. Der arme Maurer war außer sich vor Wut.
"Laß das sein, Elliott", rief Piet. "Deinetwegen kriege ich noch eine Menge Ärger."
Die Dorfbewohner wunderten sich.
Der Junge führte Selbstgespräche, und gleichzeitig geschah ein Unheil nach dem anderen. Wie machte er das? Die Menschen konnten den unsichtbaren Drachen natürlich nicht sehen. Bei den Tieren aber war das offenbar anders. Denn der Kater von Frau Maclaire sprang wild fauchend auf einen Baum und kam zwei Tage nicht wieder herunter. Und das Pferd des Milchmannes bäumte sich auf und jagte im Galopp davon. Sein Herr rannte fluchend hinter ihm her.
,,Dieser Junge hat den ´Bösen Blick`!" rief jemand.
In diesem Augenblick brachte gerade der Bauer Snoops drei Kästen Eier in den Gasthof. Snoops war sehr abergläubisch. Es genügte, wenn jemand von Unglück redete. Da sträubten sich ihm schon die paar Haare, die er noch hatte. Denn er war fest davon überzeugt, daß alles Unglück immer nur ihm widerfahren würde.
Als er den Jungen mit dem "Bösen Blick" vor sich sah, gab er ihm einen Tritt in den Hintern, um den Unglücksbringer von sich fernzuhalten.
Das gefiel dem guten Elliott nun gar nicht, und er verpaßte nun seinerseits dem Bauern einen für Drachenkräfte sanften Fußtritt. Snoops aber sauste wie eine Rakete durch die Luft und prallte gegen den Bürgermeister, über dessen ehrwürdigem Haupt nicht weniger als zwei und ein halbes Dutzend frische Eier zerplatzten. "Ver... verzeihen Sie, Herr Bürgermeister!" stammelte der unfreiwillige Luftreisende. "Ich war das nicht. .. dieser Lümmel da, der... ."
"Das stimmt", bekräftigte der Maurer, der herbeigelaufen kam. ,,Dieser verhexte Junge hat mir meine ganze Arbeit kaputtgemacht."
"Und mein Pferd ist durchgegangen", fügte der Milchmann atemlos hinzu.
"Und mein Zaun ist in die Luft geflogen!"
"Faßt diesen Jungen!" rief der Bürgermeister. "Ich wünsche eine Aufklärung."

Das alles kannte Piet schon aus seiner Zeit mit der Familie Gogan. Immer, wenn etwas schiefging, bekam er die Schuld, und alle wandten sich gegen ihn Deshalb hielt er es für das Beste, sich schleunigst davonzumachen.
Der alte Leuchtturmwärter Lampie hatte wieder einmal zuviel getrunken. Er taumelte aus der Dorfschenke und schwankte in eine enge Gasse hinein. In den engen Gassen, so sagte er sich, findet man immer eine Wand zum Festhalten.
Und genau in diesem Gäßchen hielten sich Piet und sein Drache Elliott versteckt und warteten, bis sich die Gemüter abgekühlt hatten. Dann wollten sie das Dorf heimlich verlassen. Schlimm war nur, daß Elliott sich wieder sichtbar gemacht hatte und Lampie ihn entdeckte.
Zu Tode erschrocken machte der alte Trunkenbold auf den Absätzen kehrt und raste, sich fast überschlagend, zur Schenke zurück.
"Ein Drache!" rief er atemlos, als er in die Wirtschaft stürmte. "Ich habe einen Drachen gesehen!"
"Und lila Elefanten", lachte ein Seemann. "komm, Lampie' du hast wieder einen zuviel hinter die Binde gekippt. Drachen gibt es nun mal nicht."
Die Gäste der Schänke trieben noch eine Weile ihre Späßchen mit ihm, bis seine Tochter Nora erschien und ihn nach Hause zum Leuchtturm brachte. Dort sollte er seinen Rausch ausschlafen. "Es war wirklich ein Drache, ich schwöre es", murmelte Lampie auf dem Heimweg.

Nora brachte ihren Vater zu Bett. Sie mußte sich dabei mindestens tausendmal anhören, daß er ganz bestimmt einen Drachen gesehen habe. Nun verließ das hübsche Mädchen die kleine Wohnung, um noch ein wenig an die frische Luft zu gehen. Friedlich lag das Meer unter ihr. Die Abenddämmerung brach langsam herein, und eine erfrischende Brise wehte ihr ins Gesicht. Als sie ihre Blicke über die weite Küste schweifen ließ, entdeckte sie eine kleine Gestalt, die an den Klippen entlangwanderte. Der Junge ging zur Grotte. Was mag er dort unten wohl machen? fragte sie sich und beschloß, hinabzusteigen und nachzusehen.
Die Grotte war der einzige Unterschlupf, den Piet gefunden hatte. Hier konnten sie wenigstens die Nacht verbringen. Es war sehr kalt in der Höhle, und Piet hatte Hunger und fühlte sich unsäglich traurig.
Elliott ging zu seinem Freund und kitzelte ihn am Rücken.
"Laß mich in Ruhe!" fuhr ihn der Junge an und stieß zurück. "Du hast alles zerstört. Du bist schuld, daß nicht in dieses schöne Dorf zurückgehen kann."
Elliott versuchte es mit einem anderen Spaß, um aufzuheitern, aber es war vergeblich. Als er begriff, sein Freund nichts von ihm wissen wollte, zog er sich niedergeschlagen auf die andere Seite der Höhle zurück. Die beiden Unglücklichen verbrachten eine ganze Weile in tiefem Schweigen. Elliott hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und überlegte krampfhaft, was er tun könnte, um Piet wieder heiter zu stimmen. Er wühlte ,mit seinem Schwanz im Sand, fand ein Stöckchen und begann damit herumzuspielen.
Auf einmal kam ihm eine großartige Idee. Mit einem Feuerstoß aus seinem Rachen kohlte er die Spitze des Stöckchens an und malte sich das Spielfeld für "Drei in einer Reihe" auf den Bauch. Dann tappte er zu Piet und forderte ihn auf, mit dem lustigen Spiel zu beginnen.
"Ich will nicht spielen, verstehst du?" schrie Piet ihn an und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Und Elliott, der seinen Freund noch nie hatte weinen sehen, fühlte sich unglücklicher denn je. Was hatte er nur angerichtet? Wie konnte er Piet wieder zum Lachen bringen? Er wollte seinem kleinen Freund doch nur helfen und ihn glücklich machen.

"Ist hier jemand?" erklang plötzlich eine weibliche Stimme vom Eingang der Höhle her.
Elliott verkroch sich im dunkelsten Teil des Gewölbes, Piet duckte sich hinter den Felsblock, auf dem er gesessen hatte. "Hallo, ich heiße Nora und wohne dort im Leuchtturm. Hör mal, du brauchst dich nicht zu verstecken, ich tue dir nichts."
Piet hob ängstlich den Kopf. Das Mädchen blickte ihn so freundlich an, und ihr Gesicht war so nett, daß er Vertrauen faßte und näher kam.
"Was machst du denn hier?" wollte Nora wissen.
"Ich werde hier übernachten. Ich habe nichts anderes, wohin ich gehen könnte."
"Hast du denn keine Eltern, kein Zuhause?"
"Nein. Ich war in einem Waisenhaus, bis mich die Familie Gogan kaufte und von dort mitnahm. Bei ihnen habe ich eine Zeitlang gelebt, aber sie haben mich sehr schlecht behandelt und oft geschlagen. Eines Tages hielt ich es nicht länger aus und lief davon. Und jetzt sind sie hinter mir her und suchen mich." Eine Träne kullerte ihm die Wange hinab, und er fügte hinzu: "Ich gehe nie mehr zu den Gogans zurück! Und wenn ich mein ganzes Leben lang hier versteckt bleiben müßte."
Nora legte Piet ihren Arm um die Schulter und fragte ihn: "Möchtest du zu uns kommen? Ich wohne mit meinem Vater hier im Leuchtturm. Ich würde mich sehr freuen, wenn du ja sagen würdest."
Piet weinte vor Glück. Zum erstenmal in seinem Leben war jemand lieb zu ihm. Bis jetzt war das einzige Wesen, das sich um ihn kümmerte, sein Freund, der Drache Elliott, gewesen. Als Antwort nahm er Noras Hand und drückte sie ganz fest.
Elliott sah, wie sie fortgingen, und sein Herz tat vor Freude einen Sprung. Piet hatte ein richtiges Zuhause gefunden.
"Warte noch einen Augenblick", bat Piet, ließ Noras Hand los und lief noch einmal in die Höhle zurück. ,,Ich habe etwas vergessen."
Er faßte den Drachen an seinen gewaltigen Tatzen und verabschiedete sich liebevoll von ihm.
"Hör zu, laß es dir ja nicht einfallen, dich von hier fortzubewegen, ja?" ermahnte er ihn. "Morgen komme ich wieder her."
Elliott freute sich, daß Piet nicht mehr böse auf ihn war und schmunzelte breit.
An jenem Abend erfuhr Piet, was ein wirkliches Zuhause war. Nora badete ihn, gab ihm ein köstliches Abendbrot und zog ihm zum Schlafen ein Nachthemd ihres Vaters an.

Der Junge erzählte pausenlos von den Abenteuern, die er erlebt hatte, und von seinem Leben mit Elliott.
Nora hörte aufmerksam zu, dachte aber bei sich: Der Drache wird wohl nur seiner Einbildung entspringen. "Das beste wäre, wenn du niemandem etwas von deinem Drachen erzählst", sagte sie und blinzelte ihm verschwörerisch zu. "Es soll ein Geheimnis zwischen dir und mir bleiben. Einverstanden?"
"Abgemacht. Trotzdem möchte ich gern, daß du ihn kennenlernst. Du wirst sehen, der Drache ist großartig."
"Das kann ich mir vorstellen", sagte Nora und tat so, als ob sie an den Drachen wirklich glaubte.
"Ist das dein Vater?" fragte Piet und zeigte auf ein Foto, auf dem ein schöner junger Mann zu sehen war.
"Nein, das ist Paul. Er ist ... war mein Verlobter. Er war Steuermann und fuhr zur See, aber sein Schiff kehrte nicht mehr zurück. Später erfuhren wir, daß es untergegangen ist. Der größte Teil der Mannschaft gilt als vermißt. Paul war einer von ihnen."
"Soll ich Elliott bitten ihn zu suchen? Er wird ihn finden." ,,Nein .. . Es ist besser, wir lassen alles so wie es war. Gehen wir, Piet. Es ist Zeit zum Schlafengehen."
An jenem Abend bekam Piet zum erstenmal in seinem Leben einen Gutenachtkuß.

Am nächsten Tag erschien Piet sichtlich verändert bei Elliott in der Grotte. Er trug einen hübschen neuen Anzug und hatte ein Paar prachtvolle Stiefel an.
"Na, was sagst du?" fragte er und zeigte sich stolz.
Der Drache musterte ihn zufrieden und nickte anerkennend mit dem Kopf. Er zog ihm die Jacke glatt und setzte ihm die Mütze ein wenig schief.
"So, jetzt muß ich weg!" rief Piet fröhlich. "Ich gehe nämlich in die Schule."
Elliott war so begeistert, daß er sich entschloß, seinen kleinen Freund zu begleiten.
Die Lehrerin, Miss Taylor, war nicht gerade eine nette Frau. Für sie war Ruhe und Ordnung das Wichtigste in der Welt, und Späße waren ein Zeichen von schlechter Erziehung. Piet betrat die Klasse, und alle Blicke richteten sich auf ihn. Die Kinder hatten schon vom "Unglücksbringer" gehört und erwarteten, daß im nächsten Augenblick vielleicht die Schule einstürzen würde. Kaum hatte Piet sich gesetzt und der Unterricht begonnen, da fing die Schulglocke plötzlich wie wild zu läuten an.
"Das ist sicher Elliott", rief Piet, sprang auf und rannte hinaus. Tatsächlich, der Drache spielte mit der Schulglocke. Obwohl er sich für die anderen unsichtbar gemacht hatte, konnte Piet ihn genau sehen.
"0 nein, Elliott, das darfst du nicht!" schimpfte Piet und versuchte, die Glocke anzuhalten.
Gerade in diesem Augenblick trat Miss Taylor zur Tür hinaus und sah natürlich nur Piet an der Glocke ziehen.
"Auf der Stelle kommst du in die Klasse zurück!" befahl sie zornig. "Dir werde ich zeigen, wie man sich hier zu benehmen hat!" "Aber... Wenn ich es doch gar nicht war!" protestierte Piet. ,,Was? So eine Unverschämtheit! Lügen tust du auch noch! Ich hab es doch mit eigenen Augen gesehen!"
"Ich war es nicht, ganz bestimmt nicht! Es war mein Drache, der ein bißchen mit der Glocke spielen wollte. Und er ist doch unsichtbar und..."
Die ganze Klasse brüllte vor Lachen über Piets Ausreden, und Miss Taylors Zorn erreichte seinen Höhepunkt.
"Streck die Hand aus!" befahl sie und griff nach dem Lineal. "Ich werde dir zwanzig Schläge über die Hand geben, damit dir deine Lügerei vergeht."
Piet kniff die Augen zu und streckte die Hand aus. Das Lineal klatschte auf seine Hand, einmal und noch einmal. Als Elliott durchs Fenster sah, wie die Lehrerin seinen Schützling schlug, wurde er sehr böse.
"Was? Meinen Freund schlagen!" schnaubte er. "Das ist zuviel! Das kann ich nicht zulassen. Warte nur, du böses Weib, dir wird gleich Hören und Sehen vergehen!"
Elliott warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Wand. Mit lautem Gepolter krachte sie zusammen, und Elliott stand mit einem Satz in der Klasse. Er machte sich plötzlich sichtbar, um der bösen Lehrerin ordentlich Angst einzujagen. Die Kinder rissen vor Schreck die Augen auf und schrien laut, als sie das Riesenmonster sahen. Elliott stürzte sich auf Miss Taylor' riß ihr das Lineal aus der Hand und zerbrach es mit einem Schlag in tausend Stücke. Dabei rollte er böse mit den Augen und schnaubte furchterregend. Er mußte seiner Empörung einfach Luft machen! So plötzlich wie er erschienen war, verschwand er auch wieder durch die gegenüberliegende Wand. Die Steine flogen nach allen Seiten. Die Kinder aber rührten sich nicht von ihren Plätzen vor Schreck und Entsetzen.
"Ein Drache!" schrie Miss Taylor' verdrehte die Augen und fiel in Ohnmacht. Jetzt erst begriffen die Kinder, was vor sich ging. Ein echter Drache in ihrer Schule! Voller Panik sprangen sie auf, rannten kreuz und quer durcheinander, stolperten über Tische und Stühle und drängten sich gegenseitig hinaus. Nur fort von hier! Sie liefen und liefen, als sei der Teufel hinter ihnen her. Das kurz vorher noch so schön saubere Klassenzimmer war jetzt ein wüstes Durcheinander. Umgestürzte Pulte, Bücher, Hefte und der Schutt der zusammengestürzten Wände lagen verstreut auf dem Boden. Und mitten in diesem Trümmerhaufen stand Piet und schaute hilflos um sich.

Ein äußerst merkwürdiges Fahrzeug näherte sich Passamaquoddy. Es wurde nicht von Pferden gezogen, nein, es hatte ein Segel und ließ sich vom Wind treiben. Das Segel war über und über mit Plakaten beklebt. Große Lettern auf dem Segeltuch verkündeten: Doktor TERMINUS - HEILMITTEL GEGEN ALLES.
Am Steuer dieses Fahrzeugs saß ein langer, dürrer Mann. Er trug einen Umhang und einen Zylinderhut. Ein anderer Mann hing am Mast und spähte in die Ferne. Sobald die beiden Fremden ihre Segelkutsche auf dem Dorfplatz von Passamaquoddy geparkt hatten, packten sie alles aus, was sie geladen hatten, und richteten einen Verkaufsstand her. Die Dorfbewohner eilten in Scharen herbei, um sich dieses einzigartige Schauspiel nicht entgehen zu lassen.
"Ihr Leute von Passo... Passaquo.. . Passamaquoddy!" rief der Kerl mit dem Umhang. "Ich, Doktor Terminus, der größte Heilkünst1er aller Zeiten, bin in dieses Dorf gekommen, um euch von allen Gebrechen zu befreien. Rheuma, Gicht, Schielen, Klumpfuß, Bukkel, Glatze, Zahnschmerzen und tausend andere Krankheiten mehr werden durch meinen selbsterfundenen Allheilsaft kuriert. Die Flasche kostet nur einen Dollar! Lassen Sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen! Der Vorrat ist begrenzt."
Am Abend in der Dorfschenke feierten Doktor Terminus und sein Assistent Hogy ihren Erfolg. Die einfältigen Dorfbewohner hatten das wertlose Zeug tatsächlich gekauft. Hogy hatte ein wenig über den Durst getrunken und war nicht mehr ganz nüchtern.

"Könnte ich die Herren einen Augenblick sprechen?" fragte der Leuchtturmwärter Lampie und trat schwankend an den Tisch heran. Der Doktor lud ihn ein, sich zu setzen. Lampie nutzte die Gelegenheit und schenkte sich erst einmal ein Gläschen ein, bevor er zu sprechen begann.
"Es gibt hier im Dorf einen Drachen", verkündete er mit schwerer Zunge. Terminus brach in dröhnendes Gelächter aus.
"Aber, aber, mein Freund. Ich habe in meinem Leben schon viele Geschichten gehört, wenn jemand zu einem Gläschen eingeladen werden wollte. Aber das hier ist die unwahrscheinlichste von allen."
"Sehen Sie? Auch Sie wollen mir nicht glauben", klagte Lampie. Der Wunderdoktor stand kopfschüttelnd auf und verließ den Tisch. "Aber ich glaube Ihnen", lallte Hogy, dessen Rausch merklich zugenommen hatte. "Erzählen Sie mir alles, mein Freund. Ich interessiere mich nämlich sehr für Drachen."
"Ich weiß, wo er ist. An den Klippen in einer Höhle versteckt", erzählte der Leuchtturmwärter weiter und trank noch einen Schluck. "Wenn Sie mir nicht glauben wollen, führe ich Sie hin und zeige Ihnen das Monster."
"Großartig!" rief Hogy und rappelte sich mühsam hoch.
Bald darauf liefen Hogy und Lampie auf wackligen Beinen und in Schlangenlinien auf Elliotts Grotte zu. Ab und zu blieben sie stehen, um einen Schluck aus Hogys Flasche zu nehmen.
"Wir müssen sehr vorsichtig sein", warnte Lampie, als sie vor dem Eingang der Grotte standen. "Drachen sind sehr gefährliche Tiere. Mit einem einzigen Biß können sie einen ganzen Menschen verschlingen. Zünden Sie die Laterne an, da drinnen ist es sehr dunkel."
Elliott hörte Schritte kommen und versteckte sich vorsichtshalber hinter einer Felswand. Von hier aus konnte er deutlich hören, was Lampie sagte.
"Er ist ... ist riesengroß! So groß wie ein Haus und ganz grün. Seine Ohren sind spitz, und er hat gelbe Augen. Und dann erst der Rachen! Mein Gott, was für ein Rachen! Wie ein Eisenbahntunnel, nur daß ein Eisenbahntunnel keine so mörderischen Zähne hat wie dieses Ungeheuer!"
Elliott lief es kalt über den Rücken. Er wußte nicht, von wem die Rede war, jedenfalls mußte es sich um ein schreckliches Wesen handeln.
"Auf dem Rücken hat er lauter Schuppen. Und dann erst der Schwanz! Nicht einmal ein Wal hat so einen Schwanz. Ich bin sicher, er könnte meinen Leuchtturm mit einem Schlag wegfegen", fuhr Lampie fort.
Als Elliott das hörte, bekam er fürchterliche Angst. Wenn dieses Untier hier auftauchte, das wäre ja entsetzlich! Er schaute sich mißtrauisch um - und seine Augen fielen ihm vor Schreck fast aus dem Kopf. Er starrte auf seinen eigenen Schatten, der durch das Licht der Laterne um vieles größer aussah. Da brüllte er aus Leibeskräften, rannte hinaus und klammerte sich hilfesuchend an den erschrockenen Lampie. Das Echo aus der Höhle machte das Gebrüll noch viel lauter. Die beiden Männer dachten, ihr letztes Stündlein sei gekommen und der Drache mache ihnen jetzt den Garaus. Hogy besann sich als erster, machte kehrt und rannte schreiend davon, als sei der Teufel hinter ihm her. Keuchend erreichte er den Wohnwagen. Er brauchte fast eine Stunde, um Doktor Terminus zu erzählen, was er erlebt hatte und weitere vier Stunden, um ihn zu überzeugen, daß alles stimmte und daß es den Drachen tatsächlich gab.
"Ich muß diesen Drachen haben!" sagte der Kurpfuscher. "Ich habe ein ganz altes Medizinbuch, in dem steht, daß Drachenstücke ein Hauptbestandteil der Medizin sein sollen. Wenn ich den Drachen kriege, kann ich unendlich reich werden! Los, Hogy, wir müssen dieses Biest fangen!"
Auch Lampie war davongerannt. Mit einem Drachen wollte er keinesfalls allein sein. So schnell war er in seinem ganzen Leben noch nicht nüchtern geworden.
Elliott dagegen wunderte sich ein wenig. Er hatte jedenfalls kein Untier gesehen. Warum hatte ihn nur sein Besuch so schnell wieder verlassen?
Am nächsten Morgen in der Frühe erschienen die beiden Quacksalber am Leuchtturm bei Nora und Piet. Der Doktor ging direkt auf sie zu.
"Ich kaufe dir den Drachen ab, mein Junge. Wieviel willst du dafür haben? Fünf Dollar?" fragte er ohne Umschweife.
"Was wollen Sie?" fragte Piet, der nicht verstand.
"Ich will dir den Drachen abkaufen, den du da an den Klippen in der Höhle hast. Ich bin bereit, sogar zehn Dollar zu zahlen. Stell dir mal vor, was du dir mit so viel Geld alles kaufen kannst", erwiderte Terminus mit freundlicher Stimme.
"Sagten Sie, daß Sie Elliott kaufen wollen?" fragte Piet und blickte den Mann ungläubig an.
"Ja, genau den", antwortete Terminus zufrieden. "Ja, ja, ich sehe schon, du bist ein kluger Junge. Hier, nimm zehn Dollar, und das Geschäft ist perfekt."
"Würden Sie mir Ihren Freund, Herrn Hogy, verkaufen?"
"Nun ja, junger Mann ... Es ist alles eine Frage des Preises, aber ..."
"Nun, Elliott ist nicht zu kaufen", erklärte Piet entrüstet. "Mein Drache hat keinen Preis, und selbst wenn er einen hätte, könnte ich ihn nicht verkaufen, da er mir gar nicht gehört. Er ist frei, und er bleibt nur bei mir, weil er es so will und weil er mich gern hat!"
Terminus hielt es für klüger, sich erst mit seinem Begleiter zu besprechen. Er ging mit Hogy ein paar Schritte abseits. Als Nora sah, daß die beiden Strolche direkt neben der Leuchtturmsirene standen, flüsterte sie Piet etwas zu. Der Junge eilte ins Haus. Gleich darauf heulte die Sirene in voller Lautstärke los, direkt über den Köpfen von Terminus und Hogy. Halb taub und mit dröhnendem Kopf machten sich die beiden Scharlatane auf den Weg zum Dorf zurück, besiegt und gedemütigt.


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